Hintergrund

Die Notwendigkeit eines kulturellen Wandels

Die UN-Klimakonferenz von Paris hat im November 2015 bekräftigt, dass alle Anstrengungen unternommen werden sollen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad oberhalb des langjährigen Mittels zu begrenzen. Die aktuellen Bemühungen im Klima- und Umweltschutz der Nationalstaaten reichen jedoch nicht aus, um das Ziel zu erreichen. Ohne verstärkte Initiative auf allen politischen Ebenen und ohne tiefgreifende systemische Veränderungen unserer Konsummuster und Produktionsweisen wird die Erderwärmung nicht zu stoppen sein. Neben regulativen Maßnahmen zur Förderung des Klimaschutzes ist ein umfassender kultureller Wandel zu einer nachhaltigen Entwicklung erforderlich: eine Nachhaltigkeitstransformation. Nur eine tiefgreifende Veränderung unserer Lebensgewohnheiten kann sicherstellen, dass die zahlreichen technischen Innovationen (z.B. zur Energieeffizienz) auch eine Reduzierung unseres – über die Belastungsgrenzen der globalen Ökosphäre hinaus gehenden – Ressourcenverbrauchs befördern, und nicht durch ein Verharren im Paradigma vom ewigen Wachstum verwässert werden.


Nischeninnovationen und Pioniere des Wandels

Gesellschaftlicher Wandel, besonders wenn er tiefgreifend ist, vollzieht sich nie ohne Wiederstände und Verzögerungen. Der Grund dafür liegt in der Trägheit von Systemen (z.B. globalen Wirtschaftsstrukturen), die über lange Zeit gewachsen sind und Selbsterhaltungsmechanismen besitzen. Aus diesem Grund liegt das Potenzial für das Anstoßen von Transformationsprozessen in hohem Maße in gesellschaftlichen Nischen, die durch eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit von politischen Machtkonstellationen, wirtschaftlichen Mechanismen und organisatorischen Korsetts gekennzeichnet sind. Pioniere des Wandels, also Personen oder Personengruppen, die in ihrem konkreten Umfeld Praktiken für mehr Nachhaltigkeit in sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen erfinden und ausprobieren, sind es, die die Grundsteine für einen notwendigen Systemwandel legen können.


Die Tragfähigkeit von Nischeninnovationen aus Sicht der Transformationsforschung

    

Eigene Darstellung nach Geels, Schot 2010, 25; WBGU 2011, 7 u. 285


Transformationsplattformen als Reallabore

In sozio-technischen Transformationsprozessen spielen Nischeninnovationen und Experimente, in denen alternative Praktiken erprobt werden, eine besondere Rolle. Regionale Transformationsplattformen bringen Forschung und Praxis zusammen, um bestehende nachhaltige und klimaschonende Praktiken zu fördern und Impulse für regionale Aktivitäten auszulösen. In sogenannten „Reallaboren“ können vor Ort Bedingungen geschaffen werden, solche nachhaltigen Praktiken anzustoßen, auszuprobieren und zu etablieren. Der Wissenschaft kommt die Aufgabe zu, gemeinsam mit Praxisakteuren und durch transdisziplinäre Methoden das nötige Wissen zur Gestaltung von transformativen Praktiken und deren Verbreitung bereit zu stellen.


Die Kommune als Arena für Nischeninnovationen

Bereits die Agenda 21 von Rio 1992 sah in den Kommunen zentrale Akteure für einen notwendigen Transformationsprozess. Sie bilden die politische Ebene, die den Menschen am nächsten ist und die eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung kultureller Veränderungsprozesse einnehmen kann. Sie haben wesentliche Gestaltungskompetenzen in bedeutenden Transformationsfeldern, wie Energieversorgung, Siedlungsentwicklung, Mobilität, Landnutzung, Ernährung, Bildung etc. Jedoch fehlt es häufig an der Aufbereitung des bereits vorhandenen Transformationswissens in einer für die lokale und regionale Praxis geeigneten Art und Weise.


Transdisziplinäres Forschen

Eine Kernkompetenz von Wissenschaft besteht darin, gesellschaftlichen Fortschritt und Veränderungen anzustoßen. Die Vielzahl an sozialen Innovationen zu erfassen, deren Potenzial zu verstehen und zu verbessern ist Aufgabe einer transformativen Wissenschaft. Mit dem Aufbau einer regionalen Transformationsplattform sollen diese kommuniziert, gebündelt und weiterentwickelt werden. Dadurch können sie auch auf einer größeren Ebene wirksam werden. Im Forschungsprozess ist ein hohes Maß an Offenheit und partizipativer, transdisziplinärer Lernprozesse notwendig.

Transdisziplinarität bedeutet einen Dialog auf Augenhöhe, zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Praxisakteuren, durch den Wissen gebündelt, Synergien erzeugt und damit ganzheitliche Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme erarbeitet und verbreitet werden. Durch ein integratives Arbeiten an gemeinsamen Visionen und deren schrittweiser Umsetzung kann es gelingen, die Stärken lebensweltlicher Praxiserfahrung und abstrahierender Wissensproduktion und –reflexion für eine Nachhaltigkeitstransformation zu vereinen.